Sonntag, 15. Oktober 2017

Zum Geburtstag darf man sich etwas gönnen: Mraz & Sohn

Hallo meine Lieben,

kennt ihr das? Als Kind hab ich schon immer die Tage bis zum nächsten Geburtstag gezählt, ich konnte das Älterwerden kaum erwarten. Nun, Mitte 20, frage ich mich immer wieder wo das letzte Jahr denn hin ist, denn ich hatte doch erst Geburtstag.

Seit ich Martin kenne, gebe ich für Essen und besonders fürs Essen gehen mehr Geld aus, meine Toleranzgrenze liegt mittlerweile ein ganzes Stück höher als es früher der Fall war. Es hat sich eine gemeinsame Leidenschaft entwickelt und die ist uns das auch wert. So waren wir zu meinem Vierteljahrhundert-Jubiläum letztes Jahr zum ersten Mal in einem Haubenlokal, dem Tian.

Davon angesteckt ging die kulinarische Reise heuer zu Mraz & Sohn..

Hausgemachte Brezn mit einreduziertem Schlagobers, Schnittlauch und Radieschen

Ambiente (4,5/5)

Interessant war beim Ankommen bei Mraz & Sohn schon der Eintritt, denn wie bei einer Wohnung oder einem Haus steht man erst einmal davor und muss klingeln. Nach ein paar Schritten kommt man schon an der Küche vorbei in die man durch die Verglasung einen großartigen Einblick hat. Unser Tisch befand sich jedoch im hinteren Teil des Restaurants. Der absolute Blickfang ist für mich wie überall die Ziegelmauer, ich liebe sie einfach. Die Wände an der Fensterseite waren dunkel gehalten, die gegenüberliegenden in weiß. Über Kunst lässt sich bekanntlich so streiten, so urteile ich hier nicht über die Bilderauswahl. Die Tische waren mit einer schlichten weißen Tischdecke überzeugen und nur mit dem Nötigstens eingedeckt - keep it simple and delicious. Weiß war auch die Decke, die mich irgendwie an einen Container erinnert hat, hiervon kommt auch der kleine Punktabzug. Positiv fand ich wiederum die hochprozentige Dekoration an der Wand, ich konnte mich hier gleich mal von den Schnapsauswahl überzeugen.



1. Ambiente
2. Maroni, Tompinamburblüte, karamellisierter Joghurt
3. "Schlossabuam" salzig mit Speck, Zwetschke und Schafkäse
4. Gebratene Auster in Zitronenbutter

Service (5/5)

Wie einige von euch bestimmt schon wissen mögen wir es kompetent und locker - hochqualitativer Service ohne Stock im Popsch (ja, wenn man mit mir spricht, verwende ich hier ein anderes Wort ;)). Ein bisschen fürchte ich mich bei solchen Restaurantbesuchen immer davor, in Erinnerung an unseren Besuch im Le Loft zu unserem 1. Jahrestag. Damals war ich das nicht gewohnt, dass mir jemand vorstellt was da auf meinem Teller ist - immerhin hab ich es ja bestellt. Entsprechend beklemmt fühlte ich mich damals, aber mittlerweile ist das in Ordnung. Abgesehen davon lassen die Speisekarten in den meisten Haubenlokalen ohnehin nur ungefähr erahnen was es gibt ;)

Besonders in Erinnerung bleibt uns immer der Sommelier, Simon Schubert wirkt wie ein richtiger Geschichtenerzähler. Er hat zu jedem Wein eine kleine Hintergrundgeschichte und das unterstreicht das Erlebnis bei Mraz und Sohn. Das ist eine beachtliche Leistung, denn hier gibt es keine Weinkarte, nein, ein unglaubliches Weinbuch. Nach ein bisschen Sondieren und Abfragen der Wünsche wurde uns ein kräftiger und holziger Sauvignon Blanc von Eva Pöckl am Neusiedler See (Jahrgang 2013) empfohlen.

Grundsätzlich war die Atmosphäre locker und man hat sich richtig wohl gefühlt. Das Personal war für Scherze zu haben und so fühlt man sich jedenfalls eher wie bei Freunden als in einem steifen Haubenlokal. Unsere Erfahrung passt wunderbar mit der Beschreibung zu Markus Mraz auf der Homepage überein: "Restaurantleiter und Gastgeber, jemand der es versteht bei jedem Gast sofort für heimelige Wohnzimmerstimmung zu sorgen und doch nie um einen Schmäh verlegen ist". Er ist auch Herr über den Käsewagen, der mit 40-50 Käsesorten den Himmel für jeden Käseliebhaber bedeutet. 


1. Käsevariationen
2. Brotvariationen (Schokolade-Chili, Weißbrot, Laugenbrot, Knoblauch-Focaccia, getrocknete Tomate und Kapern, Lavendel und Thymian)

Geschmack (4/5)

Das ist diesmal der mit Abstand schwierigste Punkte für mich, da wir auf diesem Niveau noch kaum Vergleichswerte haben. Aber beginnen wir von vorn: Mraz und Sohn verzichten bewusst auf eine Speisekarte. Der Fokus liegt darauf abzuschalten, nicht lange nachdenken zu müssen und einfach zu genießen. Die einzige Wahl: Möchte man 4, 6 oder 9 Gänge. Um ungefähr eine Idee zu bekommen, werden den Gästen immerhin Komponenten der einzelnen Gänge verraten.

Makrele
Baby, schneid die Melone an
Minimal
Kombu
Gefüllte Paprika
Kein Backhendl
Käse vom Wagen
Erdbeer
Steinpilz/Majoran

Bis auf den Käse immer noch sehr kryptisch, oder?

Wir entschieden uns für die goldene Mitte, also für 6 Gänge. Vorab wird man nach Zutaten gefragt, die man gar nicht mag. Wie aus der Pistole geschossen antworte ich zumeist: Gurke und Sellerie. Danach habe ich mit Martin noch gewitzelt, dass ich Wassermelone vergessen hab. Dass sich das aber noch zu unserem Vorteil auswirkt, erkläre ich später.

Ich sag's euch ganz ehrlich: Meine folgenden Angaben werden nicht hunderprozentig genau sein, denn man kann sich die ganzen Komponenten gar nicht merken, wenn man nicht den ganzen Abend mitschneidet. Ich habe mir allerdings Notizen gemacht um nicht ganz blöd aus der Wäsche zu schauen ;) Begonnen wurde mit drei Grüßen aus der Küche. Geeister Kohl mit Mandarine und Olive (die Olive laut Martin) machte dabei den Anfang. Da hab' ich außer "kalt" (und ja, das ist in dem Sinne kein Geschmack) nicht viel geschmeckt. Zudem fand sich eine Auster ein, der ich etwas kritisch gegenüberstand, denn mein letzter Versuch endete mit einem Gesichtsausdruck als hätte ich einen Schluck Meerwasser inhaliert. Die gebratene Variante mit Zitronenbutter hat mich Aphrodisiakum aus dem Meer aber wieder versöhnt. Die Liebe zu gesalzener Butter wurde mit der hausgemachten Brezn sowie Schnittlauch und Radieschen aufs Neue entflammt.

Des Weiteren wurde Maroni mit Tompinamburblüte und karamellisiertem Joghurt serviert, eine sehr schmackhafte Komposition. Wie großartig das "Simple" sein kann, zeigte der gedämpfte Steinpilz (ohne weitere Würzung) in der Steinpilzconsommé. Ausgefallener war dagegen das Beef Tartar auf Wassermelone mit Kürbiskernöl - wo wir bei besagter Aversion wären. Wenn etwas schon mal auf den Tisch kommt, dann probiere ich das selbstverständlich auch. Noch dazu wo ich Beef Tartar vergöttere, also kann die Melone da doch nicht so tragisch sein, oder? Nein, absolut nicht. Ich glaube tatsächlich noch nie eine bessere Wassermelone verspeist zu haben ;)

Die Wiener "Schlossabuam" auf salzige Art mit Speck, Zwetschken und Schafkäse bildeten ebenfalls einen Gang. Den Gang hab' ich davor schon bei einem anderen Tisch aufgeschnappt und gehofft, dass dieser nicht an uns vorübergeht. Es war wirklich gut, ist mir aber nicht als der spektakulärste Gang in Erinnerung geblieben. Da hat das butterweiche Huhn, mariniert in Sojasauce, weitaus mehr Eindruck hinterlassen, denn das konnte man fast mit der Zunge zerdrücken. Davon gab es zweierlei Varianten, einmal mit Bratensaft und schwarzem Trüffel und einmal als Fried Chicken mit Zitronengras. Beides sensationell! Dazu gereicht wurde Eisbergsalat mit Yuzu-Marinade, mal etwas Anderes als Essig und Öl. Obwohl es von dem Gang kein (weil nicht schön) Foto gibt und er uns auch nicht so fest in Erinnerung geblieben ist, soll auch noch die gefüllte Hababnero-Chili mit Krebsfleisch im Minzmantel nicht vergessen werden. 

In Verzückung bin ich geraten als ich den Käsewagen entdeckt habe. Der absolute Wahnsinn. Als dann auch noch ein Wagerl mit unterschiedlichstem Gebäck anrollte, war ich auf Essenswolke 7 angekommen. So einfach ist das bei mir? Wir entschieden uns für die Brotkreationen Schokolade-Chili, Weißbrot, Laugenbrot, Knoblauch-Focaccio, getrocknete Tomate und Kapern sowie Lavendel-Thymian. Jedes für sich ein Gedicht. Während Martin, der nicht-so-Käselieberhaber, sich für die Käsevarianten "mild" entschied, durfte es für mich schon etwas herzhafter sein. So gab es in etwa Ziegenrohmilchkäse, Kürbiskern, mittelalten Gouda, Käse in Rosé-Champagner, Blauschimmel und zwei die ich nur als "Stinker" und "Oberstinker" bezeichnet habe nachdem mir vor lauter Auswahl der Kopf geraucht hat. Weil das noch nicht genug ist, gab es Oliven, Erdnussbutter, Feigenchutney, Trüffelhonig und Weintrauben dazu. Vom Trüffelhonig schwärme ich immer noch. Alles für sich betrachtet, war wunderbar. Allerdings muss ich anmerken, dass es mir hier schon zu viele Geschmackskomponenten gab. Ich wusste gar nicht so recht womit ich (abgesehen vom Käse) anfangen und was womit kombinieren sollte. Vieles war außergewöhnlich und neu, wollte also entdeckt werden. Ein bisschen zu viel auf einmal also.

Kommen wir zu den süßeren Gefilden. Die rehydrierten Erdbeeren in karamellisiertem Joghurt waren wirklich fantastisch, aber reinlegen wollte ich mich am liebsten in das Sorbet von der Calamondinorange in Schokolade auf Kokosbett. Und das, obwohl ich eigentlich kein Fan von Sorbets bis.

Zusammengefasst war es ein fantastischer kulinarischer Abend. Meine Highlights waren das Huhn, das Tartar sowie das Sorbet. Und der Wein, ein Wahnsinn. Es fällt mir wirklich schwer als Hobbyköchin ein Haubenlokal zu kritisieren, aber ich finde, dass man sich bei Mraz und Sohn ruhig noch ein wenig mehr trauen könnte - die Küche hat es ja offensichtlich und definitiv drauf. 



1. Fried Chicken in Sojasauce mariniert mit Zitronengras
2. Eisbergsalat mit Yuzu-Marinade
3. Hühnerbrust in Sojasauce mariniert mit Bratensaft und schwarzem Trüffel
4. Geeister Kohl, Mandarine

Preis (5/5)

Ganz direkt: Ins Haubenrestaurant zu gehen muss es einem wert sein. Ich bestreite nicht, dass es in anderen Lokalen nicht ebenfalls großartige Küche gibt, aber hier wird einem doch etwas Anderes  und Ausgefalleneres geboten, dass man anderswo nicht so schnell findet. Und wie sag ich immer: Man weiß ja vorher wo man hingeht. Daher haben uns die € 280 nicht so erschreckt (dabei: 6 Gänge à € 99, stilles Mineral, eine Flasche Wein, 2 kleine Bier).

Wer sich langsam ranessen möchte, kann mit 4 Gängen um € 78 Euro beginnen und sich zu 9 Gängen um € 129 hinfuttern. Hie und da ist es uns das wert, denn es ist immer wieder ein Erlebnis.



Wiederkommen?

Schneller als gedacht gewöhne ich mich ja an die Haubenküche, ich schließe es also nicht aus. Der nächste Grund zum Feiern kommt bestimmt :)

Alles Liebe,
eure Janine



1.Hausgemachte Brezn
2. reduziertes Schlagobers, Schnittlauch und Radieschen zur Brezn
3. Rehydrierte Erdbeere in karamellisiertem Joghurt
4. Sorbet von der Calamondinorange in schokolade auf Kokosbett

Infos

Standort
Wallensteinstraße 59
1200 Wien

WWW
www.mraz-sohn.at

Öffnungszeiten
Montag - Freitag:  19 - 00 Uhr

Reservierung 
online hier oder telefonisch unter: + 43 1 330 45 94

Erreichbarkeit
5 Rauscherstraße
5B Wallensteinplatz
33 Wallensteinplatz
U6 Jägerstraße


1. Beilagen zum Käse (Ziegenrohmilchkäse, Kürbiskern, mittelalter Gouda, in Rosé-Champagner..)
2. Gedämpfter Steinpilz und Steinpilzconsommé

Kommentare:

  1. Wow, tolles Essen. Ich warte nicht auf den Geburtstag, ich will alle diese Geschmäcker sofort probieren!
    Ich bin vor kurzem von der Kreuzfahrt zurückgekommen Arktis Schiffsreise probierst, der mir immer die besten Touren am Nordpol bietet, wann immer ich ihn brauche. Es war nach dieser Reise, dass ich verliebte sich in Fische, die in kalten Gewässern sind. Der Küchenchef auf dem Schiff hat so lecker gekocht, dass ich in keinem Restaurant so lecker gegessen habe. Bellissimo!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Lieber Pablo, immer in so tolle Haubenrestaurants essen gehen, würde sehr schnell einen großes Loch in die Geldbörse reißen ;) Mit frischem Fisch direkt aus dem Meer lässt sich natürlich kein anderer Fisch vergleichen :) Liebe Grüße, Janine

      Löschen